09
Sep
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Lebensmüde? Nimm doch den Bus!

Heute (wie auch gestern) ist mir mit geradezu unübersehbarer Deutlichkeit aufgefallen, dass solange ich hier in Taipei zur Schule gehe, jeder Tag mein letzter auf dieser Erde sein könnte…und das ist nicht wirklich übertrieben sondern viel mehr mein voller Ernst (je nach Belieben auch August, ich kann mich nicht so recht entscheiden). Also, falls ihr mal so gar nichts mehr von mir hört (nicht mal ein „Hallo, ich lebe noch“), dann wurde ich wohl entweder angefahren, überfahren oder bin durch die Frontscheibe eines Busses gesegelt und gegen eine Mauer, einen Betonpfeiler oder eine Ampel geknallt, wobei ich mir den Kopf gestoßen oder das Rückrad verknackst habe. Eventuell wurde ich auch von einem 10 bzw. 30 Tonner zermatscht (das kann man jetzt nur verstehen, wenn man zu meinen ehemaligen Klassenkameraden gehört – alle anderen haben leider Pech, dieser „Running Gag“ ist wirklich zu kompliziert, zum Erklären 😀 ).

Äh…Wo bekomme ich jetzt eine flüssige Überleitung zu dem her, was ich eigentlich sagen wollte? *hüstel*

Ich versuch es mal so: Um zu dem Zug zu gelangen, der mich zur Schule fährt, wird mir jeden Morgen das Vergnügen zu Teil, mit einem überfüllten – dafür aber kostenlosen – Bus knapp eine halbe Stunde durch den mörderischen Verkehr Taipeis zu düsen (Gott, ich kriege schon Schweißausbrüche und Angstzustände, wenn ich nur daran denke, dass es morgen wieder soweit ist – wobei…Angst vorm Tod habe ich eigentlich nicht so recht, nur will ich ihn nicht unbedingt kommen sehen…und durch eine Windschutzscheibe fliegen will ich auch nicht, wie sieht denn das aus? Und überhaupt, wer soll denn anschließend die ganze Suppe aufwischen?).
Bus fahren an sich ist ja eigentlich nichts Schlimmes – dachte ich immer, doch seit ich hier bin hat sich das doch dramatisch geändert. Ich habe nämlich immer das Glück sowohl auf der Hinfahrt als auch auf der Rückfahrt, die letzte zu sein, die in das wenig vertrauenswürdige „Personenbeförderungsvehikel“ (schickes Wort, wa? Ich wollte nicht schon wieder „Bus“ schreiben, das hätte nur den Textfluss versaut 😉 ) einsteigt und somit ganz vorne, direkt neben dem Busfahrer steht, wobei sich mir viel zu viel Aussicht auf die Straße und die Tachonadel bietet…obwohl ich ja zugeben muss, dass der Adrenalinkick ein wenig was für sich hat 😛 .

Attention please, jetzt kommt, was ich eigentlich loswerden wollte: Am gestrigen Montag hatte ich schon früh am Morgen meine erste Herzattacke weg, denn beinahe wäre der Bus (in dem ich ganz vorne stand und die ungewöhnliche Aussicht genoss, was zu diesem Zeitpunkt noch kein all zu schockierendes Erlebnis für mich darstellte) volle Lotte (jaja, ich weiß, das ist ganz und gar nicht hochsprachlich 😛 ) in ein anderes Auto gerast, weil der Fahrer dieses Autos ganz plötzlich auf unsere Spur wechselte. Allerdings – und dafür bin ich sehr dankbar – bewies der (ständig gähnende) Busfahrer ausgezeichnete Reflexe und wich der Katastrophe (die mich zweifelsohne ziemlich übel zermatscht hätte) um haaresbreite aus, wonach alle Fahrgäste simultan einen Laut des Erschreckens von sich gaben und der Fahrer einen verärgerten Fluch ausstieß. Keine Ahnung, was er übersetzt gesagt hat, aber es war sicher nichts Nettes.
Heute (Dienstag) hat sich dann ein ähnliches Ereignis zu getragen, bei dem ich mal wieder in der ersten Reihe stand. Zwar schien der Busfahrer dieses Mal ausgeschlafen, doch irgendwie umgab ihn eine Aura von Abenteuerlust und Risikobereitschaft, was man ganz deutlich an seinem Fahrstil merken konnte…
Ich sag euch eins, im Meer surfen ist was für Anfänger, die richtig Harten (kommen in den Garten oder) fahren stehenderweise Bus; das erfordert mindestens genauso viel Geschick von wegen Gewichtsverteilung und man bekommt ganz nebenbei auch noch ordentlich straffe Waden (nicht vergessen: Einbildung ist auch eine Bildung 😀 ).

[Baaaahhh…ich merke grade, dass die Haut meines oberen Rückens mehr oder weniger nur noch aus kleinen Fetzten besteht, obwohl der Sonnenbrand doch schon wieder weg ist…]

Okay, was wollte ich jetzt sagen? Genau…dieses Mal wäre der Busfahrer doch beinahe auf das Auto vor uns aufgefahren, weil dieses wiederum plötzlich langsamer wurde. Also trat unser Chauffeur kräftig in die Bremsen, was mich beinahe von den Füßen gerissen und somit eventuell wieder durch die Frontscheibe katapultiert hätte.
Das war aber noch nicht alles, denn zu allem Überfluss fuhr der Bus (der eigentlich nicht der ist, den ich normalerweise nehme, weil mein Unterricht auch normalerweise länger dauert) nicht direkt dahin, wo ich dachte, dass er hinfährt und somit war ich total überrumpelt und einigermaßen erschrocken, dass man mich an der Endhaltestelle aus dem Bus warf. Aber woher soll ich denn bescheid wissen? Ich kann diese schrecklich komplizierten Schriftzeichen doch nicht lesen, von der gesprochenen Sprache will ich gar nicht erst anfangen… *seufz* Ich werde mich sicher nie wieder über Analphabeten lustig machen, die haben es schon schwer…
Da war ich nun ganz alleine, irgendwo in dieser großen Stadt und hatte mal gar keinen Plan…allerdings hatte ich ein wenig Glück und eine junge Frau, die mit mir aus dem Bus stieg, verstand ein wenig Englisch. Ich versuchte also irgendwie, mein kleines Problemchen verständlich auszudrücken, was ich dann aber aufgab. Anstatt mir weiter einen Ast abzubrechen, zückte ich mein Handy, wählte meinen Gastvater an…und stand vor demselben Problem: Er konnte (oder wollte?) mich einfach nicht verstehen, da sein Englisch tatsächlich nur wenig besser ist, als das meiner Klassenkameraden (wodurch unsere Kommunikation nicht gerade leichter wird). Dadurch sah ich mich genötigt, der netten Frau das Handy in die Hand zu drücken, um meinen Gastvater wissen zu lassen, wo zu Hölle ich gestrandet war, damit dieser kommen konnte, um mich einzusammeln…was dann am Ende auch geklappt hat.

So viel zum Thema Bus fahren…ich versteh echt nicht, warum mich keiner mit dem Auto zur Main Station bringen kann; das ginge erstens viel schneller und ich wäre auch endlich mal pünktlich in der Schule (war ich bis jetzt eigentlich noch nie… 😛 ), außerdem würde ich meine „Begleitperson“ für etwa dieselbe Zeit in Anspruch nehmen, die es braucht, um auf den Bus zu warten (mein Gastvater hat es noch nicht gerafft, aber auch wenn ich um 7 Uhr an der Haltestelle stehe, kommt der Bus nicht vor 7.30 Uhr – so schwer ist das doch echt nicht, oder?).


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2 Responses to “Lebensmüde? Nimm doch den Bus!”


  1. 9. September 2008 um 17:42

    oh man!! 🙂 mal wieder sehr amüsant deine erlebnisse!! 😀 😀 oh man…komm mir bloß heile wieder ohne die Frontscheibe geküsst zu haben!! 😉
    kann dich nich einer vom Hauspersonal zur Schule bringen?! 😀 😀
    hdl ❤

  2. 2 Lars
    9. September 2008 um 20:56

    ich weiß ja gar nicht worüber du dich beschwerst 😀
    erstens magst du so rasante sachen doch und zweitens biste dann morgen wenigstens wach und nen kleines abenteuer, wenn man mitten in so ner großen stadt landet, is doch auch toll 😀
    dann küss schön die frontscheibe von mir 😉
    hdl 🙂


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